Tag Eins in der langweiligsten Hauptstadt Europas

Als solche wird Podgorica, die Hauptstadt des einwohner*innenärmsten Balkanstaates nämlich in vielen Reiseführern bezeichnet. Ob zurecht und ob das auch die rund 190.000 Menschen die hier leben so sehen, kann ich nach wenigen Stunden noch nicht beantworten. Klar ist aber: Der große Besucher*innenansturm bleibt in Podgorica aus, nicht nur weil sich Anfang September die Hauptreisezeit schon langsam gen Ende neigt.

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle des Landes und für beinahe ein Viertel des Brutto-Inland-Produkts verantwortlich. Zu den beliebtesten Reisezielen gehören Küstenstädte wie Budva, Herceg Novi oder Kotor, nicht aber die Hauptstadt. Und das merkt man: Obwohl ich, bevor ich am Flughafen ins Taxi steige, den Namen meines Hotels nenne (und auf Nachfrage während der Fahrt wiederhole) endet diese am Busbahnhof. Meinem wohl etwas verwirrten Blick entnimmt Novak, der redselige Fahrer, dass etwas nicht stimmt. Er wirft die Hände in die Luft und sagt "sorry, my fault, it is a habit." Den allergrößten Teil seiner Kund*innen bringt er vom Flughafen direkt zum Busbahnhof, von wo aus man in weniger langweilige Orte gelangt.

Das Innenministerium von Podgorica

Die Flagge der Nato (Montenegro ist seit 2017 Mitglied), die Landesflagge, sowie jene der EU, gehisst vor dem Innenministerium in Podgorica

Wenige Minuten und viele Entschuldigungen später kommen wir am Ziel an. Ich bezahle die Fahrt in Euro, denn diesen nutzen Montenegro und der Nachbarstaat Kosovo seit seiner Einführung als einziges Zahlungsmittel. Seit 2010 Beitrittskandidat der Europäischen Union startete Montenegro quasi dort, wo für andere Staaten jahrelange Verhandlungen enden. Erleichtert dürfte die "gemeinsame" Währung die Beitrittsverhandlungen jedoch nicht haben. Dass Montenegro den Euro einseitig eingeführt hatte sorgte bei der EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank für Unzufriedenheit, denn dieser ist EU-Staaten sowie Staaten mit formellem Abkommen, darunter etwa der Vatikan oder Andorra, vorbehalten.

Behalten möchte Montenegro den Euro aber auf jeden Fall. Aus Angst vor einer rasant steigenden Inflation bei einer Abkehr, aus Gewohnheit - das Land hat seit dem Ende des Königreichs Montenegro 1918 keine eigene Währung mehr - und weil es "ökonomisch irrational wäre, zu einer eigenen Währung zurückzukehren, nur um dann später wieder in den Euro aufgenommen zu werden" wie es der ehemalige Finanzminister Radoje Žugić formulierte. Ein möglichst baldiger EU-Beitritt bedeutet für Montenegro daher auch, ein Zahlungsmittel gesetzlich einführen zu können, dass die Bevölkerung schon seit vielen Jahren verwendet.


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